close
Automobil

Mercedes-Benz E 300 de: Heute trägt man Zweireiher

    Plug-in-Hybrid ist eine Möglichkeit, sich straffrei zu stellen. Mercedes-Benz ist dabei der einzige Hersteller, der auch den Selbstzünder mit dem Elektromotor kooperieren lässt

    Auf den ersten Bildern wirkte es, als sei der E-Klasse beim Facelift das Gesicht runtergerutscht, und eigentlich sollte das schönheitschirurgische Verfahren das Gegenteil bewirken. Aber wie es Leben häufig geschieht: In natura ergibt sich ein anders, gefälligeres Bild. Die Frontgestaltung passt, das Heck ist sogar richtig aufregend geworden mit dieser schlanken, breiten Leuchtengrafik, die man ähnlich vom CLA her kennt oder von der neuen S-Klasse.

    Wobei, aufregend, schon klar, lassen wir die Kirche im Dorf, die bei Geschäftsleuten rund um den Globus begehrte Baureihe E-Klasse verströmt von jeher seriösen Charme, sie ist sozusagen der Businessanzug im Mercedes-Kleiderschrank – und man trägt jetzt häufig Zweireiher mit Einstecktuch: Limousine, T-Modell und All-Terrain sind mit der Kombination aus Verbrennungs- und E-Motor und großer Batterie zum Laden an der Steckdose (sowie Hinterrad- und Allradantrieb) verfügbar. Nur Coupé und Cabrio bleiben außen vor, die Fahrspaßfraktion wird nicht zusätzlich belastet.

    Besonderheit: Mercedes belässt es bei Plug-in-Hybrid nicht, wie die Konkurrenz, beim Ottomotor, sondern nimmt auch den Diesel in die Pflicht. Den betriebenen Aufwand (Abgasreinigung, Regeltechnik) mag man im Detail gar nicht wissen, aber auf die Resultate waren wir gespannt, als der E 300 de 4matic zur Beschau eintrudelte.

    Zwischen lässig und lästig

    Der erste Eindruck ist oben schon geschildert, und wenn man sich reinsetzt, fällt einem gleich das neue Lenkrad auf, das ebenfalls in der S-Klasse zum Ersteinsatz kommt und die Blind-Bedienung durch die Aufteilung in zwei getrennten Bedienebenen erleichtert. Lässige Sache.

    Lästige Sache: Wer gewohnt ist, im Gespräch zu gestikulieren, Italienerinnen zum Beispiel, Achtung: Da aktiviert sich einer der im Rückspiegel untergebrachten Lichtsensoren oder alle beide und beleuchtet die Mittelkonsole während der Fahrt.

    Und wer ein echtes Argument contra sucht: Kofferraum. Wir erinnern uns an den Lexus GS dritter Generation (ab 2005), den ersten mit Hybridantrieb: Weil die Technik noch so viel Raum wegnahm, hatte der Laderaum das “Format einer Babybadewanne”, wie der hochgeschätzte Ex-Kollege Leo Szemeliker weiland leiwand resümierte. In der E-Klasse sind es immerhin 370 Liter, 170 weniger als sonst und mit hässlicher Stufe, aber genug davon, sehen wir uns den Fahrbetrieb an.

    Bei der Ausfahrt aus der Garage stellte sich zunächst der Begriff “Inflationskilometer” ein – kaum 300, 400 Meter gefahren, schon stehen einige Kilometer weniger in der E-Reichweitenanzeige, ganz anderer Erfahrungswert als unmittelbar davor im Kia XCeed.

    Andererseits ist das auch ein anderes Kaliber Auto, groß, gewichtig, alles läuft harmonisch, geschmeidig ab, segeln, automatisch verzögern – sprich: rekuperieren – bei Verkehr voraus, und dank 90-kW-E-Motor mit 440 Nm Drehmoment (!) ist man rein elektrisch kraftvoll unterwegs. Fühlt sich außerdem ganz ähnlich an wie der 4-Zylinder-Turbodiesel (194 PS, 400 Nm). Und die Systemleistung von 306 PS? Die wird man erfahrungsgemäß selten abrufen.

    Aus der Batteriekapazität macht Mercedes ein Geheimnis, immerhin ist die E-Reichweite bekannt: Laut WLTP kommt man offiziell 49 bis 53 km weit. Das ist etwas mehr als beim XCeed, weshalb wir den 50-km-Ausritt nach Hainburg gleich noch mal unternahmen. Und da stellte sich heraus: So schwindsüchtig sind die Kilometer im Endeffekt gar nicht, die E-Klasse kam fünf, sechs Kilometer weiter als der Kia, wir entschuldigen uns für die Inflationsunterstellung von vorhin.

    Wie denn überhaupt die Verbrauchswerte überaus positiv überraschten: Im Testbetrieb ergab sich ein Wert beim Diesel von 3,8 l / 100 km, bei Strom einer von 13,9 kW/h.

    Source- derstandard.at

      Lam Taggart

      The author Lam Taggart